Sagarina verließ die große Halle. In der Hand hielt sie eine unweigerlich wertvolle hölzerne Kette, in die ein Diamant eingelassen war. Eine Kette des hohen Rates. Diese Kette gab Sagarina nahezu unbegrenzte Befehlsgewalt innerhalb der Feste. Im Eilschritt lief Sagarina zu einem Raum nur wenige Meter vom Halleneingang entfernt. Nachdem sie dem Wachmann wortlos das Amulett gezeigt hatte, ließ dieser sie passieren. Sie fand sich in einem kleinen, verrauchten Raum wieder, in dem lediglich ein ein Stuhl und ein Tisch mit einer seltsamen, röhrenartigen Vorrichtung darauf standen. Auf dem Stuhl, die Beine auf dem Tisch, eine Pfeife im Mundwinkel hängend schlief ein Magier in einer gelben Robe. Sagarina räusperte sich vernehmlich, wodurch der Magier erwachte und vor Schreck seine Pfeife fallen ließ. Fluchend stand er auf und hob sie wieder auf. Erst danach beachtete er Sagarina mit einem grimmigen Blick, der aus einem Wust aus Haaren in seinem Gesicht heraustblitzte. Er begann zu sprechen, und Sagarina musste sich kontrollieren, ob dieser piepsigen Stimme nicht zu grinsen: „Ist die Versammlung denn schon vorbei? Immer das selbe in diesem Job… ich darf hier nicht raus und kann nicht mal in ruhe ein Pfeifchen rauchen“ So in sich hineinzeternd wandte er sich zum Regal hinter ihm. In dem Regal befanden sich verschiedene Kugeln aus einem merkwürdig sarnifarbenden Material. Sagarina wusste nicht, wozu sie gut waren, sie war schließlich noch nie hier… Doch das Übermaß an Sarni überforderte ihre Augen. Sarni war eine Farbe, die es im allgemeinen Leben nur selten gab. Die meisten komplizierteren magischen Gerätschaften funkelten sarnifarbend, sodass normale Bürger diese Farbe nur an einem Ort zu Gesicht bekamen: wenn sie sich die Brücke zwischen dem Hauptgebäude und dem Magierturm ansahen. Sagarina hatte davon gehört, dass manche Leute farbenblind dieser Farbe gegenüber waren. Sie sahen statt dessen ein in allen Regenbogenfarben schillerndes Material. Sagarina dachte lieber nicht allzu genau darüber nach… Die Gelbrobe vor ihr schien das auch nicht zu tun. Erlesene Flüche vor sich hinmurmelnd ergriff er zielstrebig eine dieser Kugeln und setzte sich an den Tisch. „Was soll ich schreiben?“ Er nahm eine Art Meißel in die Hand. Sagarina dachte kurz nach und begann: „Es gibt einen Notfall und der Saal soll von Wachen umste…“ „Wartet!“ Der Magier hatte aufgesehen. „Die Nachricht ist nicht dür das Archiv?“ „Nein, für die Kaserne, warum?“ Der Magier fluchte nun noch inniger. Und ging erneut zum Regal. „Weil diese Kugeln vermaledeit schwer zu bekommen sind, was meint ihr was die Zwerge für das Material verlangen? Ihr habt eine verschwendet! Und das schlimmste ist, dass ich die Kanone umjustieren muss“ Er steigerte sich immer mehr in seinem Unmut, wodurch seine Stimme immer höher, piepsiger und zu Sagarinas Leidwesen auch lächerlicher wurde. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Glucksen, oder den Impuls zu fragen von welcher Kanone er rede. Sie sah sich um, und begriff, dass er das zylinderartige Ding auf dem Tisch meinen musste. Mit einer neuen, größeren Kugel in der Hand machte sich der Magier an der Apparatur zu schaffen. Sagarina wagte zu fragen „Und… und was ist an dieser Kugel jetzt besser?“ Hierfür erntete sie einen Blick, der hätte töten können. Er knirschte mit bedrohlicher Piepsstimme „Größe… Gewicht… Flugbahn“ , bevor er weiter an dem Gerät herumschraubte. Sagarina verkniff sich die nächste Frage und wartete, bis der Magier endlich fertig war. Nach endlosem Nachmessen mit einem Winkelmesser schien er mit seiner Arbeit zufrieden zu sein. Er setzte sich, nahm den Meißel erneut zur Hand und zerkratzte die Kugel mit grober Schrift. „Noch irgendwas nach Saal umstellen?“ Auf Sagarinas Kopfschütteln hin legte er die Kugel in den Lauf der „Kanone“, die merkwürdig zu tickern begann. Der Magier machte ein bedeutungsschweres Gesicht, holte seinen Zauberstab heraus und begann einen Zauberspruch aufzubeten, während er Eindrucksheischend mit dem Stab durch die Luft fuchtelte. Nach ein paar Silben hielt er inne und fluchte, wie er es scheinbar gerne tat… schlimmer als ein Zwerg… Der Mann stürzte sich auf die Kanone, murmelte hastig etwas und riss die Kugel aus dem Lauf. Die Maschine dröhnte. Der Lauf rotierte einmal, um sich danach wie ein Messer, das gegen eine Wand geworfen wurde, zitternd stehen zu bleiben. „Bei allen Göttern so war das doch nicht gemeint du elendes Gerät!“ schrie der Magier die Kanone fast an und begann, Ihr könnt es euch sicher denken, genau, zu fluchen. Sagarina, inzwischen leicht nervös, rief ihn zur Ruhe und fragte: „Was hat das jetzt zu bedeuten, ist die Maschine kaputt? Diese Nachricht ist wichtig!“ Der Magier sammelte sich und blickte schuldbewusst drein, bevor er sprach. „Jaja ich weiß, nein sie ist nicht kaputt, ich werde sie nur neu ausrichten müssen. Ich habe nur… ach vergesst es“ Er begann erneut, den Lauf zu justieren. Sagarina sprach, bevor sie dachte: „Passieren Euch solche… Fehler… geschehen die häufiger?“ Jetzt schien es dem Kerl langsam zu reichen. „Bitte, ihr könnt es gerne selbst versuchen! Ratet mal, weshalb ich seit Jahrzehnten eine gelbe Robe trage und hier den ganzen Tag den Dienstboten mime, statt mit roter Kriegsrobe an der Front zu stehen? “ Er knallte die Kugel in den Lauf und maß noch einmal den Winkel. Erneut begann er einen spruch aufzusagen, und dies mal schien es zu funktionieren. Die Kugel wurde transparent und begann zu leuchten. Erst schwach, dann immer stärker, bis der ganze Raum im gleißenden Sonnenstein zu stehen schien der verzerrte Schatten an die Wand warf. Sagarina wollte ihren Blick gerande von der Lichtquelle abwenden, als die Kugel den Lauf entlangschnellte und gegen die Wand flog. Mit einem Schlag war es dunkel. Sie starrte an die Wand. Die Kugel schien einfach verschwunden zu sein. Durch die Wand… aber… „Würdet ihr jetzt bitte gehen oder habt ihr noch mehr Nachrichten?“ Der Magier saß wieder auf seinem Stuhl und paffte grimmig an seiner Pfeife. „Nein, ich gehe ja schon. Habt dank für…“ „Jaja gern geschehen, lebt wohl.“ Sagarina erwiederte den Abschied und verließ den Raum hastig. Vor der Tür atmete sie erst einmal tief durch. Die stickige Luft und die schlechte Laune des Kerls fielen von ihr ab. Die Wache neben ihr blickte sie fragend an und meinte mit mitleidigem Lächeln „Wies klingt hat der gute Karnok heute wieder besonders gute Laune, nehmt es euch nicht zu Herzen, er hat einen guten Kern.“ Sagarina schnaubte „Na den muss er aber gut versteckt halten… Doch habt Dank für die Worte.“ Sie wollte sich zum Gehen wenden, da sprach die Wache erneut: „Ihr müsst bedenken, dass die Gelbroben ihren Beruf nur ausüben, weil ihre Magierausbildung zu weit fortgeschritten war, um ihnen andere Berufe zukommen zu lassen, bevor man ihre…“ Er senkte die Stimme „… Unfähigkeit bemerkte. Doch verzeiht, ihr habt sicher wichtigeres zu tun als mit einer gelangweilten Wache zu parlieren.“ Sagarina war überrascht.. er hatte parlieren gesagt… eine höfische Ausdrucksweise die kaum ein normaler Soldat nutzen würde. Doch er hatte Recht, und so konnte sie diesem Geheimnis nicht weiter auf den Grund gehen. Sie wünschte ihm eine weiter ruhig verlaufende Wachschicht und wandte sich wieder der großen Halle zu. Dort angelangt, reichte sie die Kette der ersten Reihe und berichtete ihnen kurz von der erfolgreich zugestellten Nachricht. Zu ihrer Überraschung wurde ihr Sarvans noch immer leerer Platz angeboten, wodurch sie in die Gespräche des hohen Rates involviert war, der leise, ohne dass die restliche Halle etwas hören konnte, miteinander über Gründe des Magieraufkommens diskutierten. Gerade redete einer der Zwerge, Sagarina erinnerte sich nicht an seinen Namen, denn er war recht neu im Amt:
„… Sarvan hatte letztens angedeutet, dass die Anomalien zunehmen, aber was könnte denn die Magier dazu veranlassen, solch einen Aufmarsch zu starten, ohne vorher auch nur zumindest das Militär in Kenntnis zu setzen? Nicht dass es sich noch um einen Putschversuch handelt.“
„Das ist doch Unsinn, Torhac, meinst du, dass es den Magiern irgend etwas nutzen würde eine Festung einzunehmen, die ohne Zusammenarbeit zum scheitern verurteilt ist?“ Das war die Elfe Larna. Sie sprach weiter: “ Es gibt viele gut mögliche Gründe dafür. Womöglich ist es eine ganz simple Anomalie mit verheerenden Folgen… zum Beispiel könnten die Baumstämme dieses Mörders auf dem Marktplatz in der Luft fliegen… Das bedürfte mehrerer Magier…“Die beiden männlichen Elfen neben Larna lächelten scheinbar amüsiert über die Vorstellung, die ermordeten Bäume könnten auf diese Weise zu etwas Rache kommen. Elfen waren schon merkwürdige Wesen, dachte Sagarina bei sich.Der Zwerg neben ihr schien ebenso zu denken:
„Fliegende Bäume… denkt ihr eigentlich mal an etwas Anderes? Für eine Handvoll Balken würden nicht…“ Er blickte zu Sagarina „Wieviele sagtet ihr? Hundert? Zweihundert?“ Sagarina blickte verdutzt weil sie angesprochen war. Der Zwerg sah sie noch einen Moment lang erwartungsvoll an und wandte sich dann wieder Larna zu: „Wie dem auch sei, es würden nicht so viele Magier ausrücken. Womöglich stürzt einer der Hauptgänge Des Tunnelsystems ein. Das würde die gesamte Stadt und ihre Versorgung gefährden und…“
Torhac meldete sich wieder zu Wort: „Das ist vollkommen ausgeschlossen! Bringt keine Schande über euer eigenes Volk, indem ihr behauptet, zwergische Tunnel könnten einstürzen. Ich selbst habe sie doch noch vor wenigen Wochen inspiziert. Eher hat ein Wilder einen Baum gefällt, als dass diese Tunnel…“
Larna unterbach ihn abermals: „Torhac, es ist gut möglich, dass ihr neu im Amt seid, doch auch ihr solltet euch angemessen benehmen. Ihr wisst eben so gut wie alle Anderen hier in der Halle, dass wir ebenso sehr Bäume fällende Wilde sind wie ihr fliegende Riesen. Ich gebe Krinnok recht, eine Gefährdung wie der Einsturz des Tunnelsystems würde jeglichen Aufwand rechtfertigen. Doch genug von dieser Diskussion, solange wir keine Gewissheit haben, können wir nichts tun. Ich schlage vor, die Menge ruhig zu halten, indem wir die Versammlung wie gewohnt fortsetzen, bis die Soldaten…“ Sie blickte zu Sagarina „… ankommen. Ich werde solange reden wenn niemand Einwände hat, wir können uns jetzt wirklich keine weitere Lappalie Torhacs leisten.“
Als keine Wiederreden erfolgten, erhob sie sich und bewegte sich elegant zum Rednerpult hin. Sie erlangte die Aufmerksamkeit der Versammelten und begann, dem üblichen Versammlungsprozedere nach zu gehen. Ein jeder, der Missstände oder Verbesserungsvorschläge vorstellen wollte, konnte diese vortragen, um diese dann in großer Runde zu diskutieren. Durch die Tradition, dass jeder aufsteht und seine eigene Sache vorträgt, verging bei diesen Versammlungen viel mehr Zeit als nötig wäre, jedoch wagte es seit Anbeginn der Treffen keiner, die Regelsatzungen des Gründers Thrýstal anzurühren. Doch das war Sagarina und dem hohen Rat nur recht. Heute ging es darum, Zeit zu schinden, ohne dass jemand etwas mitbekam, bevor der Saal umstellt war. Würde jemand aus dem Saal hinausgelangen und von der Magieraktion wissen, würde die Gerüchteküche nur so überkochen und womöglich eine Panik in der Feste auslösen.
Liebe und Aufrichtigkeit zum Volk sind zwei sehr schöne Sachen. Doch ein Jeder in der Regierung lernte schnell, dass sie sich schnell in Leid und Chaos wenden konnten.

