Sarvan hatte es geschafft, Argosh endlich wieder zu besänftigen. Kaum waren sie durch die Barriere gelangt hatte er losgelegt, über Magier her zu ziehen, und darüber, dass Sarvan kein Recht habe, den Befehl zu geben den hohen Rat auszuschließen. Zu seiner Verblüffung, und zu der aller Anderen, begann der Magier in der Sprache der Zwerge zu reden, sodass die drei anderen Menschen nicht verstanden was er sagte. Doch offensichtlich schien es zu funktionieren, und so schwieg Argosh zumindest lange genug, damit Sarvan ihnen allen die Situation erklären konnte.
„Ich konnte euch nicht einlassen, da ich selbst nicht wusste, wie gefährlich die Situation denn nun ist. Um ehrlich zu sein, wissen wir es immer noch nicht. Alles was ich zum Zeitpunkt des Befehls wusste war, dass die Brücke am einstürzen war und dass ein kleiner Notfalltrupp Magier sie intakt hält, während so ziemlich das Gesamte Amt für Anomalien eben diese Brücke benutzte, um einen möglichst kurzen Weg und möglichst wenig Kontakt mit der Bevölkerung zu haben. Die Hälfte des Notfalltrupps liegt meines Wissens nach inzwischen im magischen Koma, während der Rest versucht, sie wieder zusammen zu flicken. Desweiteren-„ Er unterbrach sich, denn ein Soldat und ein Magier in brauner Robe kamen zu ihnen. Einen Moment lang schien sich Sarvan über etwas zu ärgern. Doch dann gab er dem Soldaten die Anweisung seinen Posten ein zu nehmen und fuhr fort:
„Wie ich schon sagte, ist die Situation noch immer nicht ein zu schätzen, von daher ist meine Hilfe vonnöten. Dieser Magier-“ er schaute fragend zu ihm, woraufhin dieser schnell sagte: „Tamel“
„Also Magier Tamel wird euch so lange über den Verlauf und die Bedeutung der Dinge informieren, es handelt sich vermutlich um eine intrastruose, ponduzentrische Verschiebung von-“ er sah die fragenden Gesichter der Nichtmagier und unterbrach sich.
„Wie auch immer, ich werde dann mal sehen, was ich tun kann.“ Er wandte sich mit wehender, weißer Robe ab, und rief ihnen noch zu: „Und mischt euch ja nicht ein!“
Nun standen sie da. Sagarina, Bernolt, Theodor und Argosh, und starrten erwartungsvoll Tamel an. Er starrte zurück. Nach einem Augenblick fasste er sich und erinnerte sich scheinbar an den Auftrag, den er soeben erhalten hatte. „Mit welchem Wissen darf ich euch behilflich sein?“ er war nervös, schließlich stand er scheinbar dem hohen Rat gegenüber. Einen Moment lang schwiegen sie alle, doch dann begann der Zwerg, zu sprechen:
„Erklär mir erstmal, was es mit diesem instruktösen Verschiebungskram auf sich hat, Ibn Sknar-“ Das war ein Fluch, hoffte Tamel. „Ihr Magier müsst auch immer alles unnötig verkomplizieren.“
So waren also Zwerge. Stets direkt und ungehobelt, wie es in Tamels Büchern stand. Doch war es nicht seine Aufgabe, Zwerge zu beobachten und so antwortete er mit der Gehorsam, welche er in der Akademie erlernt hatte:
„Die Brücke ist im Großen und Ganzen eine Zwergenkonstruktion, nur dass die Säulen in der Mitte fehlen, um sie zu stützen. Da für diese einfach kein Platz war wurde stattdessen ein Feld unter der Brücke erschaffen, in welchem die Erdanziehung umgekehrt wird, die Brücke also nach oben gedrückt wird. Nun kann es, vermutlich durch eine Anomalie dazu gekommen sein, dass sich die magischen Strömungen verschieben, oder sogar umkehren. Das würde heißen, dass entweder eines der verankerten Enden von seiner Verankerung abgehoben oder aber die Mitte zusätzlich zum Boden gezogen werden würde.“ Das alles strömte aus Tamel heraus, wie aus einem Lehrbuch. Er wollte gerade fortfahren, da unterbrach ihn Sagarina:
„Verzeiht die Frage, aber was ist das magische Koma?“ Tamel stutze etwas über die Frage, weil sie rein gar nichts mit der Lösung dieses Problems auf sich hatte. Doch besann er sich, wen er vor sich hatte, und antwortete:
„Das magische Koma ist eine Art Ohnmacht, welche durch Überanstrengung in der Magie entsteht. Die Gefahr hieran ist, dass die letzten Reserven, die noch beschworen sind, wenn der Körper einbricht, noch immer in diesem sind und auf unkontrollierte Weise austreten. So kann es zu schweren Verletzungen oder Umständen wie einem schwebenden Körper kommen.“ Tamel machte es in gewisser Weise Spaß, sein Wissen weiter zu geben. Es war einfach, und er konnte helfen
Bevor einer von ihnen etwas sagen konnte erschallte ein Geräusch. Es war ein sattes, tiefes Brummen, welches immer weiter anhob. Es war nicht das Alarmsignal der Kaserne. Tamel sah sich irritiert um. Plötzlich rief Argosh „Bagn zadr, Was beim großen Stein. Das ist ein Kriegshorn!“ Tamel wurde klar, weshalb er das Geräusch nicht kannte. Das Kriegshorn war das traditionelle Signal zum Vorstoß der Zwerge. Nur war das hier nicht die Front und es waren auch keine Zwerge zu sehen.
Überall auf dem Platz sahen sich Magier verdutzt um, und sie alle erblickten an einer Barriere drei Zwerge, welche ein vier Meter langes Stück Metall auf ihren Schultern trugen und auf die Mitte des Platzes zu eilten. Alle machten ihnen Platz- schon alleine um nicht umgerannt zu werden, so wie ein Magier, der sich ihnen in den Weg gestellt hatte, und im letzten Moment zur Seite gehen musste. „Das müssen Tirk und Torhac sein.“ Meinte jemand neben Tamel.
Die Zwerge liefen so schnell ihre kurzen Beine sie tragen konnten zur Mitte des Platzes- der Ort, an den sich noch kein Magier vorgewagt hatte- und bauten das Metallstück auseinander. Es waren einige Rohre oder Stangen und andere technisch wirkende Teile. Eines davon hoben sie zu dritt an und gingen weiter in Richtung der Statue vom Festungsgründer, welche die Mitte des Platzes markierte.
Das war der große Augenblick für Rondrak. Seine Konstruktion würde diese Brücke stützen und ihn berühmt machen! Mit den Balken auf den Schultern gingen Tirk, Torhac und Rondrak an ihrer Spitze auf die Statue zu.
„So und jetzt vorsichtig anheben, dann können wir das Teil auf dem Sockel der Statue abstützen“
Sogleich hob sich der Balken über Rondraks Kopf, sodass dieser rief:
„Nicht so schnell und-„ Er musste sich immer mehr strecken, um den Balken zu halten „-und nicht so hoch!“ Inzwischen hielt nicht mehr Rondrak den Balken in die Höhe, sondern der Balken zog Rondrak in die Luft. Er verlor den Halt unter den Füßen und schwebte immer schneller in Richtung der Brücke. „Was beim Barte von-“ Seine Zähne schlugen aufeinander. Der Balken hatte seine Bewegung ebenso abrupt beendet, wie sie begonnen hatte. Rondrak, der sich noch immer am Balken festklammerte, wagte einen Blick nach unten- und gleich wieder hoch. „Ruhig, Rondrak… ganz ruhig.“ Er biss die Zähne zusammen und schaute noch einmal herab.
Er schwebte gut Zehn Meter über dem Boden, auf welchem Tirk und Torhac noch immer standen. Sie schienen rechtzeitig losgelassen zu haben und machten sich daran, sich so schnell es geht von der Mitte zu entfernen.
„Na toll… Bakn dabr zakidir bazt-„ Rondrak murmelte die schönsten Flüche die ihm einfielen vor sich hin, während er versuchte auf den Balken zu gelangen ohne nach unten zu sehen. Zu seinem Leidwesen hielt der Balken jedoch nicht stand, sondern nutzte Rondraks Schwung, um sich immer schneller um die eigene Achse zu drehen. „An der Oberfläche sein, nagut… Fliegen… niemals, aber jetzt auch noch das?“ Er schwor sich, jedem einzelnen Gott den er anbetete ein hässliches, vergammeltes Tier zu Opfern zum Dank.
Er versuchte es noch einmal, und diesmal gelang es ihm, seine Seite des Balkens durch einen Ruck zu sich zu ziehen, sodass der Balken jetzt auf und ab schwankte, sodass Rondrak in einem günstigen Moment sein Bein auf die Mitte bringen konnte, sodass er kurze Zeit später rittlings auf dem Balken saß. „Immerhin…“
Noch immer folgte der ganze Platz der Flugshoweinlage dieses Zwergs. Als er begann emporzuschweben hatten die erfahrenen Magier schnell begonnen zu tuscheln, da sich neue Informationen über das Verhalten des Feldes offenbart hatten. Auch Tamel mutmaßte gegenüber den Anderen, dass das Feld also nicht nur zum Boden gerichtet funktionierte, sondern schlichtweg in alle Richtungen eine eigene Anziehung auswirkte.
„Was wird jetzt aus Rondrak?“ Tirk und Torhac hatten nach kurzer Zeit die Gruppe gefunden und hingen, ebenso wie Argosh an den Lippen von Tamel. Ganz gleich, ob Tirk und Rondrak sich leiden konnten. Das was Rondrak dort oben durchmachte, war in etwas das schlimmste, was ein Zwerg sich vorstellen konnte, und sie beteten für ihn.
„Man könnte Rondrak für eine kurze Zeit von der Gravitation abschirmen, sodass er herab käme.“
„Warum tut es dann verdammt noch mal keiner?“ das war Argosh.
„Das Problem wäre dass es dann zu einem unkontrollierten Fall käme und der Balken ihn treffen-„ Tamel hielt die Luft an. Die Zwerge begannen zu schreien und Sagarina schlug die Hände vorm Mund zusammen.
Rondrak, der Zwerg befand sich im freien Fall, direkt über ihm der Balken-
Er fiel.
Und schrie.
Die meisten wandten sich ab, um das Ende dieses Zwerges nicht mit ansehen zu müssen, unter ihnen auch Tamel.
Und mit einem Mal brach der schrei abrupt ab.
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