„ Wie es Brauch ist, wurde das Kal‘arel erneut ausgerufen, nachdem ein Wunder geschehen ist. Einer der wenigen, die die innere Sprache beherrschen war dabei, sein inneres Ohr zu verlieren, wie es bei den meisten geschieht.“ Karlin seufzte schwer.
„Doch er hat durch die Macht unserer Götter seine Gabe behalten.“ Die Freude unter den Elfen war deutlich vernehmbar, auch wenn sie sich so sehr zügelten wie immer.
„So schön dieses Geschenk der Götter auch sein mag.“ Sein Gesicht verfinsterte sich.
„So befürchte ich, dass unser Volk es dringend benötigt. In der Vision des Ausrufers wird klar, dass eine wichtige, vielleicht die wichtigste Aufgabe seit Generationen auf unser Volk wartet.“ Der Älteste holte tief Luft, bevor er begann, von einer Brutstätte der Dämonen zu reden. Die Elfen hingen an seinen Lippen, jedes Wort verinnerlichend. Alle, bis auf…
Loran konnte nicht weiter zuhören. Die fremden Stimmen in seinem Kopf schrien wieder, und der junge Elf rang um Fassung. Er konnte jetzt nicht gehen. Nicht jetzt, wo Karlin gerade von ihm und von der Zukunft sprach. Es blieb ihn nichts anderes übrig, als es aus zu sitzen. Loran konzentrierte sich auf die Stimmen. Er versuchte auszumachen, wo sie herstammten. Der Lärm den sie verursachten machte es fast unmöglich klar über sie nach zu denken. Der junge Elf wünschte sich, dass sie doch zumindest Leiser wären, wenn sie schon nicht aufhörten. Kaum hatte er diesen Gedanken gefasst, schien es ihm tatsächlich, als würden die Stimmen sich mäßigen. Verstanden sie ihn?
Er war hin und hergerissen zwischen zwei Trieben. Zum einen wollte er nichts mit diesen fremden Geräuschen in seinem Kopf zu tun haben. Andererseits jedoch, wenn es denn wirklich Wesen waren, die da mit ihm sprachen, dann musste es einen Grund dafür geben, dass sie es taten. Die Neugier packte Loran, und so wollte er etwas versuchen. Er konzentrierte sich abermals auf die Stimmen und versuchte, ihnen, als würden sie ein Baum sein, eine fragende Emotion zu übermitteln. Ein vages ‚wer bist du?‘ oder eher noch ein ‚wie?‘ in einem einfachen Gefühl auszudrücken war momentan nicht schwer für ihn. Viel größer war die Frage, wohin er es schicken sollte? Die Seele der Lebewesen um ihn herum auszumachen war in etwa so schwer, wie sie zu sehen. Doch ein Wesen, welches ihm unbekannt und mit Sicherheit nicht in seiner Nähe war? Das war etwas Anderes.
Das Problem schien nicht lösbar. Wohin er auch fühlte, er stieß stets an den euphorischen Geist eines Elfen, und einmal, so schien es ihm, auch an den Karlins, denn dieser Geist war deutlich mächtiger, und er schien Lorans Berührung zu spüren, denn er sandte ein ablehnendes Gefühl aus. Schnell zog sich Loran zurück. Erst hierbei erkannte er, was er die ganze Zeit falsch machte. Beim schnellen Zurückziehen seines Geistes hatte er das Gefühl unterwegs etwas berührt zu haben, was sonst nicht dort war. So begann er nun, die Grenzen seines eigenen Geistes abzutasten. Es überforderte ihn fast, denn das innere Ohr war nicht dazu geschaffen, Objekte um sich herum zu untersuchen, geschweige denn sich selbst. Noch nie hatte er es zu anderem benutzt als um Kontakt zu einer Seele auf zu nehmen, die unmittelbar erreichbar war. Nach einigem Bemühen erkannte Loran jedoch, woran er gestoßen war. Es war, auf einen winzigen Punkt reduziert etwas seelenartiges, direkt IN Lorans Seele, jedoch nicht dazu gehörend. Er erschrak, und noch erschreckender war, dass ihm eine erschrockene Emotion zugesandt wurde.
Er sah sich um. Kein Elf beachtete ihn… und doch hatte ihm gerade eindeutig ein Elf eine Gefühl gesandt. Außer… konnte es möglich sein? Er konzentrierte sich abermals auf sich selbst und dachte an ein Bild. Im selben Moment empfing er das Bild. Er führte Selbstgespräche. Das das möglich war, war vollkommen neu für ihn, und er bezweifelte fast, dass selbst Karlin es wissen könnte. Doch hatte er wichtigeres zu tun, als darüber nachzudenken, was der noch immer prophezeiende Karlin wusste. Gerade als er sich erneut dem ätherischen Etwas in seinem Inneren zuwenden wollte, fühlte er von eben dort, dass das Wesen, was auch immer es war, ihm zu antworten versuchte. Offenbar hatte es seine Selbstgespräche mitbekommen…

