Die Öllampe schien auf die hauchdünnen Lederseiten vor Mernon. Er wusste nicht, wie lange es her war, dass der Bibliothekar ihm die Lampe brachte. Er bot ihm Hilfe an, doch lehnte er ab, es war nicht, dass er keine Hilfe gebrauchen könnte- um ehrlich zu sein wusste er ja nicht mal wonach er suchte. Doch ein viel größeres Problem nagte an ihm, und er schämte sich fast, es sich selbst ein zu gestehen. Es half nichts. Er musste früher oder später fragen.
Nach langem hin und her nahm sich der Elf ein Herz und erhob sich von dem kleinen Lesepult in der Ecke des Raumes. Er nahm die Lampe- nicht, dass er sie gebraucht hätte, seine Augen waren auch im Dunklen gut genug, doch wollte er den Menschen nicht übermäßig verwirren.
Wie zu erwarten war, saß der alt wirkende Mann an dem Tresen im Eingangsraum- Mernon wusste nicht genau, wie alt Menschen wurden, alles was er wusste war, dass sie deutlich jünger starben als die Elfen. Als der Mann ihn bemerkte legte er das Buch, in dem er las zur seite und lächelte ihn an.
„Kann ich euch nun doch helfen? Oder wart ihr fündig?“
Mernon wusste nicht genau, was er sagen sollte. Selbst in seinem Kopf klangen die Sätze merkwürdig, und es war wohl einer der wenigen Momente im Leben eines Elfen, in dem er Scham empfand.
„Es ist vermutlich nicht, wie ihr es erwartet und… also es ist nicht so dass…“ Er fasste sich und begann von neuem:
„Ich bin mittlerweile etwa ein Jahrhundert in dieser Welt, doch lernte ich das Lesen noch im frühen Kindesalter. Mein Volk pflegt das Lesen nicht, und so habe ich nun gewisse… Schwierigkeiten.“
Serg schaute verdutzt drein. Erklärte ihm gerade tatsächlich ein jünglicher Elf, dass er älter war, als er selbst? Und noch besser, dass er das Lesen verlernt hatte? Serg war hin und hergerissen zwischen Belustigung, Erstaunen und Mitleid für den Elfen, der sichtlich bedrückt dreinsah.“
„Ihr bräuchtet als ein wenig Hilfe um euer Wissen wieder… aufzufrischen?“ Er versuchte ihn etwas aufzuheitern.
„Ach nun schaut doch nicht so verzweifelt drein. Der alte Serg wird euch schon helfen können. In unserem Alter kann man doch leicht was vergessen, was?“ Er gluckste und setzte zu einer Anekdote aus seiner Jugend an.
„Wisst ihr, damals, als ich noch ein Knabe war, da habe ich mich auf den Karren eines befreundeten Holzfällers geschlichen, als er vor die Festung fuhr.“ Der Elf schaute sichtlich skeptisch drein, doch fuhr Serg fort:
„Ja natürlich ist es gefährlich, sollte es das sein, was euch irritiert. Doch ich war eben jung und wollte die Welt sehen. Natürlich blieb ich nicht unentdeckt und so saß ich bald auf dem Kutschbock, nachdem ich eine Tracht Prügel versprochen bekommen hatte. Doch ihr fragt euch sicher, worauf ich hinaus will. Der Mann, Joran, brachte mir damals bei, wie man einen Baum fällt und- nun schaut doch nicht so, die Geschichte ist wahr! Was ich sagen will ist, dass auch ich jetzt nach Siebzig Jahren nicht mal einen Grashalm ausreißen könnte. Es ist nichts schlimmes, Dinge zu verle-“
Der Elf unterbrach ihn. Mittlerweile hatte er einen recht Angriffslustigen Gesichtsausdruck:
„Natürlich ist dies nichts Schlimmes. Wäre es schlimm, verlernte eine Giftschlange zu vergiften? Einen Baum zu ermorden ist keine Leistung, auf die man stolz sein sollte.“
Er fuhr eine regelrechte Schimpftyrade auf, und erst jetzt bemerkte Serg, wie Taktlos er gewesen war. Er versuchte den Elfen zu besänftigen, doch war er jetzt in Rage, und schien nicht so bald aufhören zu wollen.
Während er es über sich ergehen ließ ärgerte sich Serg über sich selbst und trauerte dem friedlichen und womöglich aufschlussreichen Abend nach, den er sich erhofft hatte.
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